18.05.2022 – Stadtbäume auf Baugrund: Vom Müll zum wertvollen Klimagerät

Beginnen möchten wir mit einem Gastbeitrag von Frau Dr. Annette Hartmann, ehemalige Unternehmensberaterin, heute eine von der FLL (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau) zertifizierte Baumkontrolleurin aus Geisenfeld, die sich mit dem Thema Baumschutz beim Neubau der Realschule Geisenfeld mit wachem Auge engagiert und kritisch auseinandersetzt.

„Stadtbäume auf Baugrund: Vom Müll zum wertvollen Klimagerät“

„Werfen wir einen baumfachlichen Blick auf die Grünplanung der Realschule Geisenfeld, eingeweiht 1977, Neubau geplant für 2022. Häufig wird bei Neubauten alles vorhandene Grün im Rahmen der „Grundstücksfreimachung“ quasi automatisch gerodet: „Beseitigung von Unrat, Büschen und Bäumen“. Im vorliegenden Fall wurde der Bestand von einem Landschaftsarchitekten erfasst: 31 Stück. Die Menge allein sagt jedoch wenig. Die Straßenecke im Bild besteht zum Beispiel „nur“ aus sechs Exemplaren.

Schöne Ecke: Baumgruppe am nordwestlichen Grundstückrand der Realschule Geisenfeld

Wichtig ist vor allem die Qualität der Bäume. Stammumfang, Höhe sowie das Volumen der Baumkrone lassen Rückschlüsse auf die Erhaltungswürdigkeit und insbesondere auf die lokal erbrachten Ökosystemleistungen zu. Aus (potenziellem) Müll ergaben sich für 31 verschieden alte Bäume zwischen € 40.000 Gehölzwert und über € 650.000, wenn die Klimaschutzleistungen einkalkuliert würden. Unter anderem erzeugt jeder erwachsene Baum Sauerstoff für 12 Menschen, eine Leistung im Wert von € 500 pro Jahr. Dem gegenüber bezifferte das Planungsbüro den Aufwand für Baumerhalt: Fünf von sechs der oben gezeigten Exemplare an Ort und Stelle zu belassen, sollte über € 100.000 kosten! Ein externer Gutachter brachte marktübliche Preise von € 300 (ortsfester Bauzaun) bis maximal € 1.500 pro Baumerhalt (Zaun, mechanischer Stammschutz, Schutz vor Austrocknung) sowie € 1.250 pro Nachpflanzung einschließlich Pflanz- und Pflegekosten ins Spiel. Sie wurden vom Bauherrn der Schule – dem Landkreis – aufgenommen und folgende „Bewertung“ eingeführt: Jeder Baum solle erhalten bleiben, wenn sein Erhalt günstiger kommt als drei Nachpflanzungen. Das Budget pro Baum erreicht somit € 3.600. Damit rücken auch Großbaumverpflanzungen in greifbare Nähe, wo ein Gewächs dem Bau im Wege steht. Doch gab es auch nicht mehr erhaltungswürdige und –fähige Rodungskandidaten: Stumme Zeugen früherer Planungsfehler, die sich in der Klimakrise massiv auswirken.

Auch bei diesem Schulbau im Jahr 2022 werden die Pflanzen nicht nach dem Schwammstadtprinzip bewässert. Klimaschutz durch Bäume ist (noch) keine Begründung lokaler Grünplanung. Trotzdem sind Fortschritte zu erkennen: Nach anfänglicher Freigabe aller Bäume zur Rodung – ein Antrag auf Festsetzung nach § 9 Abs. 1 Nr. 25b BauGB wurde abgelehnt – reagierte die Stadt Geisenfeld auf zahlreiche Stellungnahmen zugunsten des Baumerhalts und denkt aktuell vermehrt über Großbaumverpflanzung nach. Und das Landratsamt hatte ein neues Kapitel aufgeschlagen, was Schule machen könnte: Erstmals erhielten die Bestandsbäume auf dem Baugrund überhaupt einen Wert.“

Dr. Annette Hartmann
FLL-zertifizierte Baumkontrolleuerin

Das FORUM BAUKULTUR meint:

Um es mit Eugen Roth zu sagen:
„Zu fällen einen schönen Baum,
braucht’s eine halbe Stunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenk‘ es, ein Jahrhundert.“

Es sollte daher in der heutigen Zeit eine Selbstverständlichkeit sein, bereits bei der Auslobung eines Wettbewerbes oder Plangutachtens, spätestens bei Erteilung des Planungsauftrages ausdrücklich darauf hinzuweisen, die Planung so zu erstellen, dass vorhandener, erhaltenswürdiger Baumbestand geschont wird.

Und für Großbaumverpflanzungen muss nicht immer eine Straßenbaumaßnahme der Grund sein.

Ein ausgewachsener Stadtbaum leistet die Speicherung von 3.500 kg CO2 und die Produktion von 4.600 kg Sauerstoff pro Jahr und die Filterung von 36.000 m3 Luft am Tag (Quelle: Stiftung ‚Die grüne Stadt‘, Berlin).

Ein gefällter hundertjähriger Baum benötigt 2000(!) junge Ersatzbäume, um die ökologische Gleichwertigkeit wieder herzustellen (Quelle: Landschaftsarchitekt Enzo Enea, Zürich).

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